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IM-WALD-SEIN. Die natürliche Antwort auf Psychostress und Zivilisationskrankheiten. Entdeckung eines Präventionskonzepts. Was steckt dahinter?

Dr. Melanie H. Adamek ist Juristin, Verlegerin und Autorin. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich mit dem Phänomen Waldbaden, Shinrin Yoku und, wie sie es nennt, IM-WALD-SEIN. Jetzt hat sie dazu ein Buch veröffentlicht, das das Zeug zum Bestseller hat. Es ist ein ungewöhnliches, mitreißendes Buch. Kompendium? Reportage? Bildband? Ratgeber? Schwer zu sagen, irgendwie alles in einem. Ein exzellent recherchiertes Sachbuch, das frisch und neu daherkommt, dazu noch reich bebildert.

Frau Dr. Adamek, wie kommt man mit Ihrem beruflichen Werdegang zum Thema Wald und Gesundheit?

Auf einigen Umwegen zwar, aber die Themen begleiten mich schon lange: Meine Doktorarbeit behandelte eine europa- und staatsrechtliche Spezialfrage, die im Umweltbereich angesiedelt ist. Unser Verlag fokussiert sich auf Themen der öffentlichen Gesundheit. Den täglichen Waldspaziergang kenne ich vom Gassigehen mit meinem Hund Iggy. Der Wald ist durch meine Großeltern biografisch stark verankert. Das sogenannte Waldbaden habe ich vor einigen Jahren entdeckt. Allerdings eher „nebenbei“, über ein Versprechen, das ich am Heiligen Abend 2014 gab, und das mich in eine sehr waldreiche Region nach Kroatien führte. „2015 feiern wir Weihnachten in deinem frisch renovierten Geburtshaus in Fužine.“, gab ich meiner Mutter das Wort. Das Häuschen liegt mir sehr am Herzen, weil es mich an wunderschöne Ferienerlebnisse erinnert. Es trägt den Geist meiner Großeltern in sich, strahlt Harmonie, Wärme und Geborgenheit aus und ist von Wäldern umgeben.

Klingt erst mal nicht nach Waldbaden ...

All das führte zu einer Reise, die mich statt der geplanten zwei Wochen mehrere Monate in eine andere Welt hineinkatapultierte. Ohne Plan, aber mit einer klaren Vision machte ich mich an ein mühsames Werk. Weder konnte ich die Sprache richtig, noch kannte ich irgendjemand dort näher. Alles war neu und ganz anders als zuhause. Ein spannendes Abenteuer, gespickt mit großen Lebensthemen und Erkenntnissen. Was brauche ich wirklich, um glücklich zu sein? Was zählt, was nicht? Welchen Ballast kann ich abwerfen? Wo sollte ich vielleicht umdenken?

Waldbaden und Waldmedizin tanken wie hier im Buchenwald geht auch im Liegen. In den Himmel schauen, wirksame Pflanzenstoffe einatmen und Immunsystem stärken

Klingt immer noch nicht nach Waldbaden ...

Viele dieser Gedanken sind mir bei meinen „Waldpausen“ gekommen, die ich mir während der Sanierungsphase verordnet hatte. Den ganzen Tag Kies und Zement in den Betonmischer zu schaufeln, schreit nach frischer Luft. Nebenbei Abläufe in einer Sprache zu koordinieren, von der man vielleicht zwei, drei Sätze sicher beherrscht, verlangt nach Schweigen im Wald. Ein selbst gesetztes hohes Arbeitspensum ruft nach Gemächlichkeit. Der Wald wurde für mich zum essenziellen Ort, um meine Akkus wieder aufzuladen. Ich erinnerte mich an die vielen Waldausflüge mit meinem Großvater, der die Gabe hatte, mich den Wald mit seiner einzigartigen Atmosphäre und all seinen Lebewesen wahrnehmen und fühlen zu lassen und mich als Teil dieses Netzwerks zu begreifen. Ich ging also in den Wald, um dort zu sein und nicht um irgendetwas anderes zu tun. Und schon sind wir mitten im Waldbaden.

Der Wald als persönlicher Ruhepol?

Ja, für mich war es so. Aber nicht nur das, ich bemerkte, dass ich durch meine vergleichsweise kurzen Waldaufenthalte auch körperlich „fitter“ wurde. Obwohl ich z.B. auf einer kalten und zugigen Baustelle arbeitete und einige Zeit sogar dort schlief, war ich kein einziges Mal erkältet oder anderweitig krank. Im Gegenteil, es ging mir so gut wie selten. Man kann das natürlich auch mit meiner hohen Motivation erklären, aber ich bin überzeugt, dass es vornehmlich an meinen Waldaufenthalten lag.

Sind Sie so auf die Idee eines Waldbaden-Experiments gekommen?

Das Waldbaden-Experiment ist nicht meine alleinige Idee, es ist eine Initiative, die sich aus Gesprächen, den persönlichen Erfahrungen in Fužine und der Presse zum Shinrin Yoku, wie das Waldbaden in Japan genannt wird, entwickelt hat. Ich hatte einige Artikel gelesen, in denen immer wieder gesagt wurde, dass ein Waldspaziergang unsere natürlichen Krebskillerzellen aktiviert, meist war von einer Steigerung um 40 Prozent die Rede. Besonders gut fand ich den Artikel von Clemens G. Arvay in der Zeitschrift „PSYCHOLOGIE HEUTE“. Begeistert berichtete ich im Bekannten- und Freundeskreis über das Waldbaden. Alle waren fasziniert und doch ein wenig ungläubig. Eins fügte sich zum anderen und es kristallisierte sich eine Gruppe von zwölf Neugierigen heraus, die beschloss, die behaupteten Effekte in einem Praxistest selbst nachzuvollziehen. Enthusiastisch arbeitete ich mich weiter in das Thema ein und stieß auf das Forschungsgebiet der Waldmedizin und auf Prof. Dr. Qing Lis reichhaltige Studien zur immunologischen Wirkung des Shinrin Yoku. Prof. Qing Li von der Tokio Medical School gilt als Begründer und Urvater der Waldtherapie.

Shinrin Yoku Forschung praktisch erprobt: Die Waldbaden-Experiment-Gruppe verbringt drei Tage im Wald. Das Ergebnis: Freude, Entspannung und bessere Blutwerte

Ziemlich ungewöhnlich. Wie sah der Praxistest aus?

Faszination und Entdeckergeist führten uns im September 2017 während eines fünftägigen Kurzurlaubs für drei Tage in den Wald auf der Suche nach Entspannung, Wohlbefinden und besseren Blutwerten. Da es ja kein verbindliches Waldbaden-Programm gibt, entwickelten wir ein eigenes Konzept, wobei wir uns an den Rahmenbedingungen von Prof. Dr. Lis Forschungsarbeiten orientierten. Zusätzlich gelang es uns, hochkarätige Unterstützung durch Prof. Dr. Dr. Angela Schuh und Gisela Immich vom Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der LMU München zu finden. Die beiden haben mich hinsichtlich der Durchführung unseres Experiments beraten und auch wichtige Impulse für seine Auswertung gegeben. Das Ergebnis können Sie in meinem Buch nachlesen.

Und was möchten Sie damit beweisen?

„Beweisen“ im engeren Sinn möchte ich gar nichts. Ich bin ja weder Medizinerin noch in der Forschung tätig. Als mich die Gruppe bat, unser Experiment zu konzipieren, habe ich das mit Sorgfalt und Disziplin getan mit dem „wissenschaftlichen Feuer“, das auch nach meiner juristischen Ausbildung nicht erloschen ist. Unsere „Forschungsfrage“ lautete schlicht und ergreifend: „Führt ein an Prof. Qing Lis Studien angelehnter organisierter Kurzurlaub mit drei Waldtagen bei einer heterogenen Reisegruppe aus zwölf Personen zu einer messbaren Erhöhung der NK-Zellaktivität und einer messbaren Verbesserung der psychischen Befindlichkeit und des körperlichen Wohlbefindens?“ Es ging also um die Effekte auf unsere Gruppe. Wenn Sie so wollen, wollten wir es uns selbst beweisen. Aber natürlich möchte ich den Einzelnen animieren, sich selbst auf den Weg in den Wald zu machen und den Gesundheitsverantwortlichen zeigen, dass das Im-Wald-Sein auch bei uns das Zeug zum Präventionskonzept hat.

Ihr Weg in den Wald führte Sie im Frühjahr 2018 bis nach Japan. Sie sprachen unter anderem mit Prof. Dr. Qing Li persönlich. Haben Sie mit ihm auch über Ihr Experiment gesprochen?

Ja, natürlich. Ich brannte darauf, Prof. Li unsere Ergebnisse zu präsentieren und seine Meinung zu hören. Es war sehr eindrucksvoll, wie offen und positiv der Initiator und Motor der Forest Medicine auf unsere Initiative reagierte. Das freute mich sehr. Was die Ergebnisse anbelangt, war Prof. Li natürlich wenig überrascht. Denn sie liegen auf einer Linie mit seinen Forschungen. Qing Li ist ein sehr beeindruckender Mann, mit dem ich mich auf der Rückfahrt von unserem Forest Medicine Training ausgiebig unterhalten konnte.

Shinrin Yoku: Wald mit seinen Sinnen erfahren und natürliche Aromatherapie genießen. Fichtennadeln stecken voller Terpene, die das Immunsystem ankurbeln.

Was war Ihr Highlight in Japan?

Kaum zu sagen. Es gab viele Highlights. Zum Beispiel Prof. Dr. Won Sop Shins Vortrag zur Waldheilungspolitik in Südkorea oder der Spaziergang mit dem kalifornischen Experten Amos Clifford im Kaisergarten Tokios, bei dem ich viel über die Ausbildung und Arbeit von Forest Therapy Guides lernte. Spaghetti carbonara mit Stäbchen essen und gleichzeitig Fachvorträgen lauschen, gehört aber genauso dazu, wie der Serau, ein gämsenartiges Wildtier, mit dem ich auf Tuchfühlung ging. Doch ..., jetzt fällt mir das Highlight ein: Der intensive Duft, den die Baumriesen auf unserem Shinrin Yoku Walk in Okutama an einer bestimmten Stelle versprühten. Es war, als würde hinter jedem Baum ein Mensch mit einem Raumspray nachhelfen. Faszinierend!

Sie sprechen vom Im-Wald-Sein und nicht vom Waldbaden oder Shinrin Yoku. Warum wählen Sie diesen Begriff?

Ich finde ihn offener und treffender. „Waldbaden“ ist die deutsche Übersetzung des japanischen Begriffs Shinrin Yoku. Shinrin steht für Wald und Yoku könnte man mit baden, im Sinne von „in die Atmosphäre des Waldes eintauchen“ übersetzen. Im Englischen heißt es Forest Bathing. Die Südkoreaner sprechen vom Forest Healing. Geht es um das durch Fachleute begleitete Waldbaden, spricht man von Shinrin Therapy oder Forest Therapy, also von Waldtherapie. Das bezeichnet in Japan die Praxis von gesundheitsfördernden Freizeitaktivitäten in einer Waldumgebung, die unter der Aufsicht medizinisch geschulten Personals durchgeführt wird, um eine ganzheitliche Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden zu erreichen – mit nachweisbaren Entspannungseffekten. Mir geht es um das IM-WALD-SEIN im Sinne von „sich darauf einlassen, wahrnehmen und präsent sein“.

Und warum qualifiziert sich das Waldbaden als Präventionskonzept?

Weil es eine Fülle ernst zu nehmender Belege gibt, dass der entspannte Aufenthalt im Wald gesundheitsfördernd wirkt. Es gibt etliche Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet. Das IM-WALD-SEIN ist gut für die Seele, es wirkt gegen Stress und mentale Erschöpfung und aktiviert wichtige Zellen des Immunsystems. Eine ideale Präventionsmaßnahme also, die potenziell sogar vor der Entstehung von Krebs schützen kann. In meinem Buch habe ich viele Studien zusammengetragen und vor allem auch wichtige Metastudien. Letztere sammeln existierendes Datenmaterial und bewerten Forschungsergebnisse nach festgelegten wissenschaftlichen Standards. Das Resultat sind sogenannte Reviews, die eine gute Übersicht zum Stand und zur Qualität bestehender Studien liefern. Diese Sekundärforschung zeigt zum einen, dass es bereits viele verlässliche Studien gibt und dass Waldbaden bei vielen Erkrankungen wie etwa Diabetes, Atemwegserkrankungen, COPD, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck positive Wirkungen hat. Überdies werden derzeit auch einige Waldtherapieprogramme untersucht, um zu sehen, welche Maßnahmen sogar therapeutisch wirken können. Das finde ich besonders spannend.

Waldbaden als Therapie?

Genau. Vieles deutet darauf hin, dass das IM-WALD-SEIN als ergänzende Therapiemaßnahme zum Beispiel bei der Behandlung von Depressionen oder in der Krebsbehandlung wirksam sein kann, wenn es durch entsprechend qualifizierte „Behandler“ mit medizinischem Hintergrund angeleitet wird. Ein Beispiel, wo solche Programme durchgeführt werden, ist der Waldtherapiegarten Nacadia in Dänemark. Seit 2011 werden dort Menschen mit stressbedingten Erkrankungen wie Burn-out oder mentaler Erschöpfung mit einer naturbasierten Therapie behandelt. Diese beinhaltet z.B. eine individuelle Gesprächstherapie, eine achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, das Wahrnehmen von Sinneseindrücken, Gartenarbeit und das Gestalten von naturbasierten Geschichten und Symbolen als Metaphern für das eigene Leben.

Bei uns scheint sich ein neues Berufsbild zu etablieren, man hört immer wieder Bezeichnungen wie Waldbadentrainer oder Waldbademeister ...

Ja, das ist eine großartige Entwicklung. In vielen Gesprächen habe ich herausgehört, dass unsere Begeisterung für den Wald weit über die Begeisterung hinausgeht, selbst in den Wald zu gehen. Auf sich allein gestellt wissen viele nicht so recht, was sie denn mit sich selbst im Wald anfangen sollen. Hier tut Begleitung durch einen erfahrenen „Trainer“ gut. Leider gibt es noch zu wenige Angebote in dieser Richtung und die Angebote, die es gibt, sind noch nicht wirklich publik. Hinzukommt, dass es bislang noch keine verbindlichen Standards für die Ausbildung von Waldbadentrainern gibt. Manchmal werden die Angebote in einen Kontext gerückt, der mir gar nicht gefällt.

Waldbaden: Achtsamkeitsübungen im Wald mit Audioguide-Programm sind gut für Körper, Geist und Seele. Zu zweit machen die Erlebnisse und Übungen noch mehr Spass

Was meinen Sie damit?

Mitunter kommt es so rüber, als müsse man besonders gestrickt sein, um den Wald und sich selbst im Wald erleben zu können, z.B. dass man unbedingt Bäume umarmen müsse. Manche „Waldbaden-Entdecker“ mögen die Idee, andere nicht. Ich finde, das sollte jeder selbst entscheiden. Und mir ist keine Studie bekannt, die herausgefunden hätte, dass der Wald nur dann bzw. besonders positiv auf die Gesundheit wirkt, wenn man seine Bäume umarmt. Es geht aus meiner Sicht um etwas völlig anderes. Daher auch meine Motivation für den IM-WALD-SEIN-Audioguide, mit dem man einen achtsamkeitsbasierten geführten Waldaufenthalt erleben kann, unaufdringlich und ohne eine bestimmte Doktrin. Und bevor Sie jetzt fragen: Ja, ausgerechnet mit dem Smartphone. Digital Detox bedeutet nämlich nicht unbedingt, das Handy wegzulegen, sondern es „smart“ zu verwenden. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“, wusste Paracelsus bereits um 1530 zu sagen. Übrigens: Ein ganz normaler mp3-Player tut es auch.

Ihr Buch enthält eine klare Message und ist mit einer gesundheitspolitischen Forderung verbunden. Man spürt deutlich, wie wichtig es Ihnen ist, das Thema Wald und Gesundheit in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit zu bringen und den Einzelnen dafür zu begeistern. Gibt es neue Planungen?

Ja, in der Tat. Erst mal eine ausgedehnte Waldauszeit nehmen. Die letzten Monate waren ziemlich anstrengend und bei aller Begeisterung für das, was man tut, muss man doch aufpassen, dass man „nicht unter die Räder kommt“. Aber mein Skizzenheft enthält schon einige Ideen. Da heißt es dann runter mit dem Autorenhut, Verlegerhut aufsetzen und schauen, was daraus werden kann.

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